Radtour Vietnam

Wenn man Süd- und Nordvietnam in einem Mal bereisen will ist die Wahl des Zeitfensters für die Tour von entscheidender Bedeutung:   Irgendwo ist immer Regenzeit und als Radfahrer möchte man den Regen möglichst meiden! Als Kompromiss entschied ich mich für die Monate Februar / März mit den geringsten Niederschlagsmengen. Die Tour habe ich von Süd- nach Nordvietnam geplant, wobei im Norden mit geringen Niederschlägen und auch langsam ansteigenden Temperaturen zu rechnen war.

 

In ‚Saigon’ absolvierte ich erfolgreich meine ersten Fahrversuche. Entgegen unseren Vorstellungen ist der Verkehr kaum gelenkt. Die Motor Bikes dominieren das Straßenbild. Was früher Radfahrer war - ist jetzt Motorrollerfahrer. Auf den ersten Blick ist der Verkehr total chaotisch. Wenn man teilnimmt, erkennt man eine Struktur der Selbstorganisation, ähnlich wie bei der Schwarmintelligenz z.B. der Vögel. Jeder richtet sich nach dem anderen aus und nimmt somit ein Stück kollektive Verantwortung.


Mein erstes Abenteuer musste ich bestehen, um Richtung Süden in das 'Mekongdelta' (Can Thon, schwimmende Märkte) über die Hauptstrasse A1 zu radeln. Zu dem sonst starken Verkehr der Motor Bikes   gesellten sich noch jede Menge Laster und Busse hinzu. Ein nicht endendes Hupkonzert, Überholen und Auspuffgestank. Auf den Nebenstrassen, die ich dann irgendwann nehmen konnte, ging es deutlich entspannter zu... der Schwerlast- und Busverkehr fiel weg. Eine ganz große Schwierigkeit war und blieb die Orientierung.


Die Hauptstrassen sind endlos umsäumt von Imbissbuden, Werkstätten, Wohnhäusern, Schuppen, so dass man den Eindruck gewinnt, es handelt sich um eine einzige zusammenhängende Aglomeration.


Zum Wetter nur folgendes: Es war jeden Tag dasselbe, Temperatur nie mehr als 32° C, leichte Bewölkung und immer diesig. Das Unangenehme war allerdings die hohe Luftfeuchtigkeit. Sobald ich mich ein bisschen bewegte, lief mir der Schweiß aus allen Poren.

Auf dem Weg ins 'Mekongdelta' fuhr ich durch ‚Ben Tre’, einer Stadt, die im Vietnamkrieg von den Amerikanern vollkommen zerstört worden ist, inzwischen neu aufgebaut und aus touristischer Sicht nichts Besonderes aufzuweisen hat…bis auf die Märkte. Diese Märkte fangen einem ein durch ihre Vielfalt, Buntheit und Exotik.


Aber nicht alles ist schön was fremd und exotisch ist…die Haltung der Tiere wie Ware auf den Märkten empfand ich äußerst empörend und unangenehm. Für die Tiere muss das Folter sein, für den Kunden frische Wahre!


Noch faszinierend ist das bunte Treiben auf den schwimmenden Märkten von 'Can Tho', insbesondere der auf den Seitenarmen des Mekongs. Es ist Exotik pur für Europaer.





von Saigon über das Mekongdelta nach Hanoi

2.2. bis 6.4.2014





Nachdem ich ‚Saigon’ das zweite mal über Nebenstrassen verließ, musste ich von ‚Can Bio’ nach ‚Vung Tau’ über eine ca. 12 km breite Meeresenge übersetzen. Danach konnte ich weiter auf Nebenstrassen Richtung Norden fahren. Die Strassen waren auch hier fast alle asphaltiert, die Dirt Roads gehören bald der Vergangenheit an. Auch war hier relativ wenig Verkehr, bis auf die Abschnitte, wo ich wieder die Hauptstrasse benutzen musste. Selbst dort blieb der Verkehr erträglich.




Die Hauptstrasse A1, die ganz Vietnam wie einen einzigen Strang durchzieht ist zweispurig mit einem 1 bis 2 m breiten Seitenstreifen für Motor Bikes und Fahrräder.   Es waren überall Bauarbeiten im Gange, um die Hauptstrasse vierspurig auszubauen.




Je mehr ich nach Norden gelangte, je interessanter wurde die Landschaft. Die Ebenen wurden jetzt umsäumt von kleineren im Dunst liegenden Gebirgszügen. Die Steilküste wechselte mit flachen, oft buchtenartigen Abschnitten mit intensiver Nutzung.



Eine besondere Attraktion sind die Sanddünen in der Gegend von 'Mui Ne'. Diese für Vietnam einzigartige Landschaft verbindet man eher mit der Sandwüste in der Sahara. Im Gegensatz zu der Sahara gibt es dort reichlich Wasser. Die Gegensätzlichkeit dieser beiden Elemente macht die Lanschaft so besonders.


Schwierig gestaltete sich das Problem auf den Nebenstraßen eine Bleibe für die Nacht zu finden. Ich hatte zwar ein Zelt dabei, nur war längs der Straßen entweder alles besiedelt oder wirtschaftlich genutzt. Oder derart vermüllt oder verkotet, dass an Zelten nicht zu denken war.


Danach fuhr ich in das ‚Zentrale Hochland’. Auch hier waren die Strassen befestigt und kaum noch Verkehr. Nach ‚Ba To’ ging es dann richtig den Berg hoch. In einem Zug musste ich 1200 Höhenmeter überwinden (Steigung 10 (12) % durchgehend!) und oben angekommen ging es laufend rauf und runter +/- 100 m. Eine ziemliche Quälerei mit dem Gepäck und der Hitze! In ‚Kon Tum’ der Provinzhauptstadt entschloss ich mich, alles überflüssige Gepäck, d.h. die Campingutensilien und die warmen Klamotten per Post nach ‚Hanoi’ als 'poste restante' zu verschicken. Bisher fand ich - bis auf zwei Gelegenheiten - immer ein Hotel, aber niemals einen m², wo ich hätte das Zelt aufstellen können.


Über den berühmt berüchtigten ‚Ho Chi Minh Highway’ (HCMH) fuhr ich weiter Richtung Norden. Inzwischen ist der ‚HCMH'   keine Erdpiste mehr der durch den Dschungel führt, sondern eine gut ausgebaute befestigte zweispurige Strasse, allerdings ohne Seitenstreifen für die Fahrräder. Der erste Abschnitt war ziemlich eintönig, ging der Highway durch eine Landschaft, die durch eine endlose Folge gesichtsloser Dörfern führte. Die Landschaft wirkte zerstört, sei es durch die zahllosen Brandrodungen, sei es durch die Spuren des vor 40 Jahren zu Ende gegangenen Vietnamkrieges, wo die Amis mit 'Agent Orange' und 'Napalm' insbesondere die besiedelten Gebiete zerstörten und damit den Menschen ihre Lebensgrundlage. Diese Spuren der sinnlosen Verwüstung waren immer noch sichtbar. Aber es gab auch lange Strecken, wo der Dschungel zum Glück mit seiner ganzen Vielfalt erhalten blieb und somit ein einmaliges Erlebnis zum Durchradeln war.




Ein Aufenthalt in der kleinen Stadt ‚Hoi An’ ist lohnenswert auch wenn der Ort inzwischen von Touristen überlaufen ist, so hat er immer noch den Charme der alten Zeit und einen Hauch von Venedig.


Nach Überquerung des ‚Wolkenpasses’, der geographisch wie klimatologisch Süd- von Nordvietnam trennt, veränderte sich - bis auf das Wetter - im Wesentlichen nichts. Das Wetter wurde miserabel. In der Regel nieselte es den Ganzen Tag, das nasse Regenzeug wurde bei der hohen Luftfeuchtigkeit nicht mehr trocken. Und wenn es nicht nieselte, dann war der Himmel zu 100 % bedeckt.

In ‚Hue’ lohnt es sich die ‚verbotene Stadt’ mit der weitläufigen Palastanlage und die Begräbnisstätten der ehemaligen vietnamesischen Kaiser zu besichtigen.


Danach ging es weiter zu der ‚Phong Nha Cave’. Diese Höhle soll gleich mehrere Superlative aufweisen,  bezogen auf alles was auf der Welt bekannt sei: die größte Anlage, der längste unterirdische Fluss, die größte Halle mit 200 m Höhe,  etc. In der Tat war es ein gewaltiges Spektakel mit einem Boot auf dem unterirdischen Fluss in die Höhle hinein zu fahren. 


Ich folgte dem ‚HCMH' weiter, der abschnittsweise immer wieder durch wunderschöne abwechslungsreiche Landschaften verläuft. Ebenen mit Reisfeldern mit eingesprenkelten karstigen Kalkbergen wechseln mit undurchdringlichen Dschungel ab. Auf den Dörfern sah ich immer wieder Minenräumkommandos. 


Kurz vor ‚Hanoi’ suchte mich ein Durchfall übelster Art heim. In ‚Hanoi’ musste ich mich deshalb behandeln lassen und ein paar Tage unfreiwilligerweise ausspannen, um wieder zu Kräften zu gelangen. Ich hatte Zeit ‚Hanoi'   mir etwas gründlicher anzuschauen. Im Vergleich zu ‚Saigon’ ist ‚Hanoi’ größer, schmuddliger, dichter und noch chaotischer. Eine verrückte Stadt. Sie ist ein Konglomerat aus französischer Kolonialarchitektur und sozialistischen Repräsentationsbauten. Dem angeschlossen sind die Quartiere, z.B. die Altstadt, wo ein furchtbares Durcheinander herrscht. Die Gehwege sind entweder von den Scootern zugeparkt oder belegt durch Verkaufstände. Die engen Gassen müssen sich die Fußgänger, die Motor Bikes, die Autos und sogar die Autobusse teilen. Also der Teufel ist los.


Als ich dann wieder soweit hergestellt war, setzte ich von der Hafenstadt ‚Haiphong' zu der Insel ‚Cat Ba' in der ‚Halong Bay' über. In der ‚Halong Bay’ unternahm ich mit einem der typischen Seelenverkäufern eine Bootstour und machte auch ein paar Paddelschläge an einer ganz besonders für diese Zwecke reizvollen Ecke.


Die Bay ist zweifellos ein Superlativ, aber leider ist das Wasser dreckig, es schwimmt eine Unmenge von Plastikmüll auf dem Wasser herum, bzw. große Öl- bzw. Benzinlachen!


Weitere Fotos von der Fahrradtour können in der Fotogalerie angesehen werden.

                                                                                         

Alexander Jung



Fakten:


Die Gesamtstrecke der Tour betrug ca. 3100 km. 

Die Tagesleistung betrug iM 90 km/Tag. Die max. Tagesdistanz betrug 130 km.


Schäden am Fahrrad:


  • 1 Hinterradnabe (blockierter Schnapper, defektes Kugellager)


  • 1 gebrochener Gepäckträger


        

  Alexander Jung